Kirche Hl. Kreuz | Geschichte und Kunsthistorie | Bilderreihen

Das nach 1800 beginnende Industriezeitalter veränderte das ländliche Umfeld Herringens vollständig. Seit 1847 Wie nahezu das ganze südlich der Lippe gelegene märkische Umland war auch die Gemeinde der St.- Victor-Kirche in Herringen Mitte des 16. Jahrhunderts evangelisch geworden. Zu den wenigen, die den Glaubenswechsel nicht mit vollzogen hatten, gehörte die Familie derer von Torck, die in Nordherringen in einer alten Burg am südlichen Ufer der Lippe lebte. Sie war nördlich des Flusses begütert, und ihre Söhne dienten zumeist dem Fürstbischof von Münster. Als mit dem Religionsvergleich zwischen Pfalz-Neuburg und Brandenburg 1672 die Streitigkeiten zwischen den Konfessionen im Lande endlich einigermaßen zur Ruhe kamen, öffneten die Torcks ihre Burgkapelle den in der Umgebung verbliebenen Katholiken. Ein Franziskaner aus dem Kloster in Hamm übernahm ihre Seelsorge und den regelmäßigen Dienst am Altar. Mit der Zuwanderung von Neu- und Umsiedlern, die sich unter anderem auf den alten Landwehrgründen in Sandbochum und Rünthe niederließen, entstand im 18. Jahrhundert eine kleine katholische Gemeinde. Die brandenburgischen Kurfürsten und späteren preußischen Könige unterstützten die Minderheiten in ihren Ländern: Nach der berühmten Maxime Friedrich des Großen sollte jeder Untertan nach seiner Facon selig werden können. Als die von Torcks in den 1730er Jahren doch noch evangelisch wurden und 1764 Haus und Kapelle abgebrannt waren, durften die Franziskaner eine neue Kapelle errichten, für die sie 1842 vom Paderborner Bischof alle Pfarrrechte bekamen.
Das nach 1800 beginnende Industrizeitalter veränderte das ländliche Umfeld Herringens vollständig. Seit 1847 durchquerte die Köln-Mindener Eisenbahn das östliche Pfarrgebiet zwischen Lohauserholz und Wiescherhöfen. Der Bergbau und die Industrie zogen neue Arbeitskräfte vor allem aus Ostdeutschland, Schlesien und Polen an, große Neubausiedlungen entstanden auf "grüner Wiese". Gab es 1910 in Herringen und Sandbochum zusammen rund 600 Katholiken, waren es zwei Jahre später bereits dreimal soviel. So entstand 1906 eine Notkirche in Rünthe (heute Herz Jesu), schied 1907 die Westenheide (heute St. Josef, später St. Bonifatius in Herringen) aus dem alten Kirchspiel aus und wurde 1908 in Wiescherhöfen eine Notkirche erbaut (heute St. Marien).
Der Ausbruch des Ersten Weitkrieges ließ zunächst alle Pläne zunichte werden, für Herringen selbst eine neue, größere Kirche zu errichten. Kriegsende und Inflation brachten weitere Rückschläge, so dass 1923/24 zunächst nur ein Pfarrhaus und ein Vereinssaal, auch als Notkirche genutzt, erbaut werden konnten. Dem seit 1927 amtierenden Pfarrer Heinrich Elsing gelang es dann jedoch, die Bautätigkeit energisch und erfolgreich voranzutreiben. Ein Schwesternhaus mit kleinem Altenheim und Sozialstation entstanden. Am 1. Oktober 1928 konnte der Grundstein gelegt und am 15. September 1929 die Heilig-Kreuz-Kirche ihrer Bestimmung übergeben werden. Als Erbe des Franziskanerklosters in Hamm übernahm der preußische Staat zu zwei Dritteln die Baupflicht, abzüglich von "Hand- und Spanndiensten". Als Architekt gilt die preußische Hochbauverwaltung, tatsächlich stammt der Entwurf vom Regierungsbaumeister Richard Oelmann, der auch die Bauleitung vor Ort geführt hat. Gleichzeitig baute er das jetzige Polizeipräsidium an der Hohe Straße in Hamm und nahm auch dort in der Wilhelm-Raabe-Straße 20 seine Wohnung. Als späterer Leiter des Staatshochbauamtes in Potsdam geriet er 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft und danach verlieren sich seine Spuren.



Die in Nordsüdrichtung breit gelagerte Kirche (44 Meter lang und 16 Meter breit) ist ein großflächiger Klinkerbau, überdeckt von einem mächtigen Ziegeldach. Dieses ruht im Süden auf einem großen Giebel, vor dem sich ein niedrigerer Chor und noch kleinere Anbauten erstrecken, während im Norden mit mehr als seiner halben Breite der Turm in den Bau eingebunden ist und das Dach überragt. Auf quadratischem Grundriss mit 9 x 9 Metern errichtet, wird seine "westfalische Derbheit" - so das "Zentralblatt der Bauverwaltung" - im Glockengeschoss oberhalb des Kirchendaches auf jeder Seite durch drei schmale hohe Öffnungen durchbrochen und mit einem unten walmartig ansetzenden, sich dann aber stark nach oben verjüngen- den vierseitigen Pyramidenhelm mit Wetterhahn bei einer Turmhöhe von 36 Metern gekrönt. Das von der Hammer Firma Rüter hergestellte eisernen Gerippe für diesen Helm wurde dokumentiert. Zwei sich im Spitzbogen öffnende Vorhallen, im Winkel zwischen Turm und Seitenschiff ansetzend, steigern mit ihrer schräg nach oben zulaufenden Bedachung die Gegensätzlichkeit noch. Der sorgfaltig verarbeitete, bündig verfugte farbige Klinker verleiht dem ohne jede Profilierung senkrecht aus dem Boden wachsenden Mauerwerk mit einer Höhe von 20 Metern am Turm eine facettenreiche Farbigkeit.
Betritt man die Kirche durch einen der Eingänge, so gelangt man durch einen Windfang zunächst in eines der Seitenschiffe. Diese Seitenschiffe öffnen sich in sechs weiten, am Boden ansetzenden gleichseitigen Lanzettbögen zum Mittelschiff hin, das sich als etwas höhere Halle mit flacher, durch Balken gegliederter Decke darstellt. Eigentlich handelt es sich bei diesen Seitenschiffen nur um die Halle begleitende schmale Gänge, doch sind sie im Unterschied zu jener massiv überwölbt und durch schmale, lanzettförmig überhöhte Gurtbögen in einzelne Joche aufgeteilt. Auf jedes dieser Joche entfallen zwei steile, oben mit flachem Dreieck schließende Fenster in der Außenwand. Zum Chor hin öffnet sich die Halle an der Schmalseite wiederum in einem hohen, vom Boden aufsteigenden Lanzettbogen, der sich in dem in die Tiefe führenden Presbyterium bis zu dessen Abschlusswand noch mehrfach wiederholt. Hierbei wird jedes Segment durch vier unsichtbare Fenster von der Seite her erhellt. Vor der geraden südlichen Abschlusswand stand einst der Hochaltar, überragt von dem heute rechts vom Chorbogen angebrachten Kruzifix.
Erhält dieser Innenraum schon durch das dominierende Motiv des aus der Gotik stammenden Spitzbogens einen sakralen Charakter im herkömmlichen Sinne, so hatten Architekt und Bauherr auch der Lichtführung als einem weiteren, die Stimmung erhöhenden Mittel besondere Bedeutung beigemessen: Das Presbyterium erhielt durch die in tiefen Nischen liegenden Fenster eine sonnige, gelbe Helligkeit. Das Licht im Schiff war durch bräunlich-gelbliche Tönung der hoch liegenden schmalen Fenster abgeschwächt und klang in der rückwärtigen, unter der Empore im Turm liegenden, gewölbten Taufkapelle mit ihren weit herabreichenden Fenstern in einem tiefen Grünblau aus. So kam jedem Raumteil ein besonderer Stimmungscharakter zu. Die gleichmäßig hellen Wände und Gewölbe ließen nach der Beschreibung aus damaliger Zeit alle Feinheiten der Reflexe, der Farbenmischungen und -übergänge zur Geltung kommen. Kräftig farbig waren nur die Mittelschiffdecke und der Bodenbelag mit roten Terrakottaplatten, wie sie noch in der Taufkapelle erhalten geblieben sind, sowie das heute nachgedunkelte Holzgestühl. Doch die seinerzeit von Wilhelm Hallermann aus Essen für die Seitenschiffe geschaffenen Fenster wurden 1972 als "zu dunkel" empfunden und durch neue von Wilhelm Buschulte aus Unna ersetzt. Einige Reste der alten Fenster befinden sich in der Friedhofskapelle.
Auch von der Ausstattung, mit der man im Sinne der zeitgenössischen Sakral-Baukunst ein Gesamtkunstwerk zu schaffen beabsichtigt hatte, ist leider nur noch ein Teil vorhanden. Erhalten hat sich der Schmuck der schlichten Außenwandflächen in den Seitenschiffen. Für diese malte Wilhelm Geissler, der vor allem mit seinen wiederholt im Gustav-Lübcke-Museum ausgestellten Holzschnitten bekannte Künstler, 1929 unmittelbar auf den Putz der Wand 14 Kreuzwegstationen (1,30 x 1,80 Meter) in Kaseintechnik, einem aus Milcheiweiß gewonnenen Bindemittel für die Farben. Entfernt wurde auch die hölzerne Kanzel am zweiten Pfeiler vorne links. Erhalten geblieben sind die ehemals farbig gefassten Holzfiguren der hl. Maria und des hl. Josef rechts und links vom Chor, die Beichtstühle mit geschnitzten Motiven aus Herringen auf der Frontseite und das farbige Mosaikfenster in der Nordfront des Turmes über der Empore.
1972 wurde unter Leitung des Bildhauers Josef Baron aus Unna mit der Umgestaltung des Altarraumes nach den Vorgaben des Konzils begonnen. Durch eine rückwärtige Mauer wurde das Presbyterium in seiner Tiefe verkürzt und ein schwerer Altartisch aus Anröchter Stein aufgestellt. Von Baron stammen auch die Entwürfe für Ambo und Tabernakel, während Josef Dieckmann aus Bockum- Hövel 1983 die neu gezogene Rückwand mit einem Abendmahls-Mosaik versehen hat. Das ursprünglich an zentraler Stelle hinter dem Hochaltar den Kirchenraum dominierende Kruzifix von zirka 1926 hängt heute rechts vom Chor. Diese Arbeit von Paul Rautzenberg aus Köln erinnert an den spätmittelalterlichen Typ der "cruzifixi dolorosi". Auch die Büste der Maria mit dem Kind auf der Mondsichel in der Taufkapelle stammen von ihm. Daneben steht der schlichte Taufstein aus der Erbauungs- zeit der Kirche.
Eine Besonderheit der Herringer Kirche ist die elektrisch betriebene Orgel, die die Firma Reinhold Feidt aus Paderborn in einer gut isolierten Orgelkammer auf der flachen Decke des Mittelschiffes aus Aschenbeton 1929 untergebracht hat. Durch eine 5,50 Quadratmeter große Öffnung, deren Vergitterung in der farbig gehaltenen Decke nicht auffällt, verbreitet sich der Schall gleichmäßig im Raum, während der Orgelspieler auf der Empore durch die Betätigung der JalousiekIappen des Schiffs in der Decke die Schallstärke nach Bedarf regeln kann. Mitte der 1950er Jahre ist diese Orgel von der Firma Stockmann aus Werl überholt und auf 27 Register erweitert worden.
Die Heilig-Kreuz-Kirche in Herringen ist ein bemerkenswertes Beispiel für den "Backsteinexpressionismus", wie er in Norddeutschland geschätzt und in den 1920er Jahren vielfach für den Kirchenbau übernommen wurde. Sie dokumentiert damit Aufgeschlossenheit und baukünstlerische Verantwortung der preußischen Bauverwaltung, die sich auch noch in jener Zeit der Tradition Schinkels verpflichtet fühlte. Die Entwurfsverfasser mögen dabei an das in der Berliner Friedrich-Werderschen Kirche verwirklichte Raumkonzept einer hohen Halle mit begleitenden schmalen Seitenschiffgängen angeknüpft haben. Angesichts des Wenigen, das nach Kriegszerstörung und Abrisswut wie Veränderungseifer der Nachkriegszeit geblieben ist, wird man besonders dankbar dafür sein müssen, dass uns dieses Baudenkmal, neben der evangelischen Johanneskirche, wohl das bedeutendste Beispiel sakraler Baukunst aus der Zeit zwischen den beiden Welt- kriegen in Hamm erhalten geblieben ist.
Text aus: Beaugrand, Jerrentrup, Nowoczin, von Scheven, Peter, Feußner: Kirchen der Neuzeit in Hamm, Westf. Anzeiger Verlagsgesellschaft mbH, 2002, Seite 123 -127

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